Die Regisseurin steht für ein Kino, das soziale Räume genau beobachtet und international verstanden wird.

Ursula Meier gehört zu jener Generation von Filmschaffenden, die das Schweizer Kino nicht als abgeschlossenen nationalen Raum verstehen. Ihre Filme bewegen sich zwischen Sprachen, Ländern und sozialen Milieus. Dabei interessiert sie sich weniger für ein eindeutig festgelegtes Zuhause als für die Spannungen, die an Grenzen entstehen: zwischen Stadt und Landschaft, Wohlstand und Ausschluss, Nähe und Distanz.
Meier wurde 1971 in Besançon geboren und arbeitet im französischsprachigen europäischen Kino. Ihre Perspektive ist zugleich schweizerisch und grenzüberschreitend. Sie nimmt die Schweiz nicht nur als malerische Kulisse wahr, sondern als Gesellschaft mit unterschiedlichen Lebenswelten. In ihren Geschichten können Berge Schutz bedeuten, aber auch Trennung; Familien können Halt geben, zugleich jedoch von Konflikten geprägt sein.
Ein Kino der Übergänge
Ein wiederkehrendes Motiv in Meiers Werk ist der Übergang. Ihre Figuren befinden sich häufig in Situationen, in denen vertraute Regeln nicht mehr ausreichen. Sie müssen sich in einer Umgebung behaupten, die ihnen nicht vollständig offensteht. Diese Grundsituation verbindet ihre Filme, auch wenn die Schauplätze und Handlungskonstellationen unterschiedlich sind.
Die Regisseurin erzählt solche Konflikte mit einer konzentrierten Bildsprache. Landschaften werden nicht bloß dekorativ eingesetzt, sondern prägen das Verhalten der Figuren. Räume können die Handlung verlangsamen, Druck erzeugen oder eine scheinbare Freiheit eröffnen. Dadurch entsteht ein Kino, in dem soziale Fragen eng mit der Wahrnehmung von Orten verbunden sind.
„Home“: Die Grenze vor der Haustür
In Home von 2008 steht eine Familie im Zentrum, die neben einer seit Langem unbenutzten Autobahn lebt. Als die Straße plötzlich geöffnet wird, verändert sich der Alltag grundlegend. Was zuvor als ruhiger, abgeschiedener Ort erschien, wird von Verkehr und Lärm durchquert.
Der Film macht aus dieser Veränderung keine einfache Geschichte über technischen Fortschritt. Die Autobahn wird zu einer Grenze, die mitten durch das bisherige Leben verläuft. Die Familie muss entscheiden, ob sie an ihrem Ort festhält oder sich auf eine neue Wirklichkeit einstellt. Gerade diese Verschiebung zeigt Meiers Interesse an Übergangszuständen: Eine Grenze ist nicht nur eine Linie auf einer Karte, sondern kann in den Alltag eindringen.
„L’enfant d’en haut“: Kindheit zwischen Tal und Skigebiet
L’enfant d’en haut, international auch als Sister bekannt, führt in ein Schweizer Berggebiet. Im Mittelpunkt steht Simon, ein Junge, der im nahe gelegenen Skigebiet Ausrüstung stiehlt und weiterverkauft. Mit diesem Geld unterstützt er sich und seine ältere Schwester Louise.
Der Film stellt zwei räumlich und sozial voneinander getrennte Welten gegenüber. Oben liegen die gut ausgestatteten Ferienanlagen, unten das alltägliche Leben der Geschwister. Simon bewegt sich zwischen diesen Bereichen, ohne wirklich zu einer von ihnen zu gehören. Seine Wege machen sichtbar, wie nah privilegierte und benachteiligte Lebensbedingungen beieinanderliegen können.
Meier betrachtet Simon dabei nicht nur als Opfer seiner Umstände. Der Junge handelt eigenständig, entwickelt Strategien und übernimmt Verantwortung. Gleichzeitig zeigt der Film, welchen Preis diese frühe Selbstständigkeit hat. Die Berglandschaft wird so zu einem sozialen Raum, in dem Zugang, Besitz und Zugehörigkeit ständig neu ausgehandelt werden.
„La ligne“: Nähe, Verletzung und Abgrenzung
In La ligne aus dem Jahr 2021 konzentriert sich Meier auf einen familiären Konflikt. Nach einer Auseinandersetzung darf Margaret ihrer Mutter nicht näher als hundert Meter kommen. Diese festgelegte Distanz wird im Film zu einem sichtbaren Zeichen der Trennung.
Die Linie ordnet den Raum, löst den Konflikt aber nicht. Sie zwingt die Figuren vielmehr dazu, ihre Beziehung aus der Entfernung zu betrachten. Wut, Verletzung und der Wunsch nach Verbindung bestehen gleichzeitig. Meier interessiert sich hier für die widersprüchlichen Gefühle innerhalb einer Familie und für die Frage, ob eine räumliche Grenze auch eine innere Grenze werden muss.
Die Bedeutung für das Schweizer Kino
Ursula Meiers Bedeutung für das Schweizer Kino liegt auch darin, dass sie nationale Zugehörigkeit offen und beweglich behandelt. Ihre Filme sind fest in schweizerischen Landschaften und gesellschaftlichen Wirklichkeiten verankert, richten den Blick aber über die Landesgrenzen hinaus. Sie verbinden französischsprachige und schweizerische Einflüsse, ohne daraus eine einfache kulturelle Formel zu machen.
Damit steht Meiers Arbeit für ein Kino, das lokale Geschichten mit allgemein verständlichen Fragen verbindet. Wer darf einen Ort nutzen? Was bedeutet Familie, wenn Vertrauen zerbricht? Wie verändert sich ein Zuhause, wenn eine Grenze auftaucht? Solche Fragen machen ihre Filme auch außerhalb der Schweiz zugänglich, ohne ihre regionale Verankerung abzuschwächen.
Ihre Filme zeigen die Schweiz nicht als einheitliche Idylle, sondern als widersprüchlichen Lebensraum. Zwischen Bergen, Straßen und Wohngebieten treten soziale Unterschiede und persönliche Konflikte hervor. Gerade in dieser Verbindung von genauer Beobachtung und grenzüberschreitender Perspektive liegt Ursula Meiers besonderer Beitrag zum zeitgenössischen Schweizer Kino.
